Auf Wiedersehen, Thomas Eichin

Nach dem geglückten Klassenerhalt war klar, dass personell etwas passieren musste. Die Medien waren sich sicher, dass entweder Skripnik oder Eichin gehen muss. Skripnik wegen der doch eher übersichtlichen Leistung der Mannschaft oder Eichin, weil er auch nach drei Jahren immer noch in Bremen fremdelte.

Wenn man Werder kennt, fiel die Entscheidung wenig überraschend aus. Heute wurde die Trennung von Thomas Eichin bekannt gegeben. Meiner Meinung nach wird dies eine der größten personellen Fehleinschätzungen der letzten 20-30 Jahre sein.

Auch wenn das Kapitel Eichin erledigt ist, möchte ich seine Arbeit der letzten drei Jahre einmal beleuchten.

Ich war anfangs ein sehr großer Fan von Eichin. Smart, kann sich verkaufen und vor allem: er hatte einen Plan. Und noch einen ganz großen Vorteil: er hatte keinerlei Stallgeruch, hatte also gar keine Verbindung und keinen Bezug zur viel gerühmten und oft beschworenen Werder-Familie.

Sein Auftrag war klar: das schlingernde Werder-Schiff wieder auf Kurs bringen, klare Konsolidierung. Und das gelang ihm in den vergangenen drei Jahren sehr gut. Die größten Gehaltssünden wurden korrigiert, die meisten Transfers saßen, auch auf der Ablöseseite konnte er Werder gut aufstellen. Allerdings gab es immer wieder Gerüchte, dass die Transfers mehr auf dem Mist von Rouven Schröder wuchsen. Wenn man bedenkt, dass die Transfers vor Schröder nicht unbedingt trafen (Makiadi, Obraniak), dann mag an den Gerüchten sicher etwas dran sein.

Nichts desto trotz fällt in Eichins Verantwortung, dass die wirtschaftliche Stabilität wieder da ist und dass die Mannschaft nominell so stark ist, wie schon lange nicht mehr (warum man im Zuge der wirtschaftlichen Konsolidierung nicht von Filbry spricht, wird noch später zu beleuchten sein).

Mit seiner Art hat er sich allerdings nie viele Freunde gemacht – was aber bei seiner Aufgabe auch nicht zwingend nötig ist. Vielfach wurde ihm nachgesagt, dass er unterkühlt, arrogant aber auch ignorant sei. Was davon stimmt? Ich weiß es nicht. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass dies durchaus auch der Wahrheit entspricht.

Dass ein „Unternehmen“ (was Werder ja ist) wie Werder übermäßig viele Mitarbeiter beschäftigt, mutet seltsam an – hat aber auch mit der Vergangenheit und einer gewissen sozialen Verantwortung zu tun. Schlicht: man muss sich diese Mitarbeiter auch leisten können. Werder konnte dies in den letzten Jahren nicht. Aus diesem Grund fing Eichin an, sukzessive auch hier zu reformieren – ich erinnere mich sogar an eine Anekdote, dass man auf der Geschäftsstelle nur noch zweilagiges Toilettenpapier anstatt dreilagiges Papier benutzte.

Eichin wollte Werder einmal auf links drehen – meines Erachtens zurecht und absolut notwendig. Und hat sich dadurch den einen oder anderen mächtigen Feind gemacht. Was ihm im Endeffekt zum Verhängnis wurde.

Sein Verzicht auf ein Profiscouting: finde ich persönlich eine fatale Entscheidung. In der heutigen Zeit kann Werder nur bestehen, in dem man kreativ scoutet. Unter Kostenaspekten war dies durchaus nachzuvollziehen.

Ein weiterer großer Fehler, den er meines Erachtens gemacht hat ist, dass er es nicht geschafft hat, den Vertrag von Johannes Eggestein zu verlängern. Zwar gibt es noch keine Wasserstandsmeldung, dass er wirklich den Verein verlässt, aber sollte Eggestein Werder verlassen, wäre das ein absolut unnötiger Abgang und Werder würde wahrscheinlich eine potentielle Mega-Ablöse flöten gehen, der Werder sicher saniert hätte.

Nun beginnt also die Ära Baumann in Bremen. Ich bin sehr skeptisch, dass diese Ära für den Verein erfolgreich sein wird. Ich hoffe, mein Gefühl trügt mich.

Mir bleibt an dieser Stelle nur, Eichin für seine Arbeit zu danken und ihm alles Gute für die Zukunft zu wünschen. Ich bin mir sicher, dass seine Vision von Werder die zukunftssichere gewesen wäre. Aber das werden wir wohl nie erfahren.

3 Gedanken zu „Auf Wiedersehen, Thomas Eichin“

  1. Eichin musste gehen, weil er seit langer Zeit gegen den Trainer arbeitete. Es wäre die zweite „Institution“, die er entlässt. Dabei wären die möglichen Alternativen wenig erfolgversprechend.
    Der Sparkurs war richtig! Aber Trainerentlassungen sind nicht Teil davon, zumal ein neuer Trainer eine Investition gewesen wäre, die sich nicht sicher auszahlt.
    Skripnik ist mit Herzblut bei der Sache, solch eine Motivation findet man nicht bei jedem Trainer. Zudem hält das Team zu ihm, die Chemie stimmt. Und das Fachwissen kann man keinem (!) Trainer absprechen, der eine entsprechende Ausbildung (Lizenz!) beim DFB durchlaufen hat! Dutt war auch ein guter Fachmann, erreichte das Team aber nicht. Skripnik erreicht sein Team!

    1. Wenn es zum Wohl des Vereins ist, Institutionen zu schützen, dann hätte man die Entlassung verstehen können. Da seine Aufgabe aber ist, das Wohl des Vereins zu schützen und den Verein zu entwickeln, sollte die Entlassung einer „Institution“ kein Kündigungsgrund sein – zumindest objektiv nicht

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